Der Tanganjikasee in Basel
Universität Basel forscht zu Buntbarschen im Tanganjikasee in Tansania
Im Zoologischen Institut der Universität Basel werden die Buntbarsche des ostafrikanischen Tanganjikasees erforscht – tauchend im See und in etwa 300 Aquarien. Daraus resultiert auch eine Sammlung an Präparaten fast aller 250 Arten.
Neben ihrem Büro wacht der Lungenfisch. «Er stammt ursprünglich aus einer Aquaristik-Expedition nach Ghana», sagt Dr. Fabrizia Ronco zum eigentümlichen Aquarienbewohner. Im Zoologischen Institut Vesalianum der Universität Basel dreht sich alles um Fische.
Fabrizia Ronco forscht über Buntbarsche aus dem Tanganjikasee, die in einem unglaublichen Artenreichtum vorkommen. Während der schlangenähnliche Lungenfisch das Geschehen im Flur des Universitätsgebäudes zu beobachten scheint, schwimmen auf der anderen Seite der Bürotür der Zoologin vitale, dunkle Fische mit bläulich schillernden Schuppen in einem Grossaquarium. Sie sind eher mit sich selbst beschäftigt. «Gnathochromis permaxillaris zeichnet sich durch sehr bewegliche Kiefer aus, die er trichterartig vorstülpen kann, um damit kleinste Lebewesen von Substrat zu saugen», kommentiert die Fischforscherin das Verhalten dieser Buntbarsche aus dem Tanganjikasee.
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Fabrizia Ronco streicht heraus: «Die Buntbarsche dieses Gewässers bilden für mich als Evolutionsbiologin eine enorme Ressource.» Sie könne dank der Erforschung dieser Fischgruppe besser verstehen, wie neue Arten entstehen. «Als ich die Fischwelt des Tanganjikasees erstmals schnorchelnd sah, zog sie mich sofort vollständig ins Thema Buntbarsche. Das war so faszinierend!». Die Forscherin schwärmt von der unglaublichen Diversität. «Da sieht man so viele Arten auf einmal. Es ist, als würde man den Kopf in ein Aquarium stecken.»
«Es ist, als würde man den Kopf in ein Aquarium stecken.»
Dr. Fabrizia Ronco, Universität Basel
Der Tanganjikasee liegt im ostafrikanischen Grabenbruch. Der monumentale Erdeinschnitt bildete sich aufgrund tektonischer Plattenverschiebungen und zieht sich durch einen grossen Teil des Kontinents. Der See ist 673 Kilometer lang, die maximale Tiefe beträgt 1470 Meter. Fabrizia Ronco ergründet das Phänomen, warum sich in diesem Gewässer so viele Arten bildeten. «Wir gehen heute davon aus, dass dieser Lebensraum nach dem Grabenbruch plötzlich entstand», erklärt die Wissenschaftlerin. Das leere Biotop habe die Artbildung gefördert. «Wir sprechen in diesem Fall von adaptiver Radiation, also einer explosionsartigen Artbildung, die von einer Stammart ausging.» Sie habe begonnen, als der See entstand, also vor etwa zehn Millionen Jahren. Diese Theorie untermauert die Tatsache, dass es sich bei den Buntbarscharten zu 99 Prozent um Endemiten handelt, also um Arten, die nur dort vorkommen.
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Regelmässige Reisen ins Buntbarsch-Eldorado
Fabrizia Ronco verblüfft die Anpassungsfähigkeit der Arten. «Jeder Lebensraum wird von einer bestimmten Fischart besetzt.» Teilweise komme sie nur an einem ausgewählten Punkt um den See vor. «Vom kleinen, unscheinbaren Schneckenbarsch bis zu grossen Prädatoren schwimmen unterschiedlichste Buntbarsche vom Flachwasser bis in die Tiefen.»
Auf einer Karte hat Ronco mit roten Punkten vermerkt, wo sie überall schnorchelte und tauchte, um nach den Fischen zu forschen. Fast die ganzen Seeufer sind rot gepunktet. «Uns fehlen einzig Fischbelege aus der südlichen Region der Demokratischen Republik Kongo», sagt Fabrizia Ronco. Aufgrund von politischer Unstabilität sei es dort schon lange nicht mehr einfach, zu forschen. Die Universität Basel verfügt allerdings über Präparate und Angaben des Baselländer Fischforschers Heinz Büscher, der die Region zu Zeiten bereiste, als dies noch einfacher war.
Wenn man im Uhrzeigersinn gedanklich um den langgezogenen See zieht, grenzen im Nordosten Burundi, im Osten Tansania, im Süden Sambia und im Westen die Demokratische Republik Kongo ans Gewässer. «Es fühlt sich an wie am Meer, so gross ist der See», sagt Fabrizia Ronco, die jährlich ins Buntbarsch-Eldorado reist. Die Forschungsbasis liege im Süden, in Sambia. «Wir mieten Holztransportboote, fahren in die Dörfer rund um den See und bitten um Erlaubnis, um am Strand schlafen zu dürfen, was uns jeweils gewährt wird.» Zu vielen Dörfern am See führe keine Strasse.
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Die Buntbarschforschung der Universität Basel ist vielseitig. Während Fabrizia Ronco den evolutiven Artbildungsprozess erforscht, untersuchen andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Verhalten spezifischer Arten. Eine Fragestellung lautet beispielsweise, inwiefern Fische bereit sind, innerhalb einer Stunde ein neues Habitat zu ergründen. Dabei stellt sich auch heraus, dass sich unterschiedliche Arten anders verhalten.
Das Forschungsteam nutzt nicht nur die Infrastruktur einer alten Fischexportstation in Sambia. Auch im Keller der Universität herrscht nämlich Tanganjikasee-Stimmung. In 300 Aquarien schwimmen um die70 Arten, so wie Enantiopus melanogenys. Ob auf grossen Sandflächen im See oder im Aquarium: Die länglichen Fischmännchen bauen und unterhalten runde Sandmulden als Balzplätze, die sie verteidigen. Weibchen schauen zu, beurteilen und wählen aus. Blubbern, tropfen, schillernde Farben, emsiges Treiben. In den Universitätsaquarien herrscht pralles Leben. Die Bewohner haben so klingende Namen wie Prinzessin von Burundi oder Tanganjika-Beulenkopf. Die Buntbarsche des Tanganjikasees sind auch in der privaten Aquaristik beliebte Pfleglinge.
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Blick unter Wasser in Ostafrika
Für sie sei von Anfang an klar gewesen, dass sie nicht nur schnorcheln, sondern auch tauchen wolle, sagt Fabrizia Ronco vor den übereinander angeordneten und beleuchteten Aquarien. Bereits als Studentin erlernte sie das Tauchen mit Pressluft und verschwand in den Tiefen des afrikanischen Sees. Sie erzählt: «Es gibt alles im See, von reinen Sandhabitaten zum Steinriff, über Kies- bis zu Schlammzonen. Wasserpflanzengedeihen nur wenige, höchstens an Einflussstellen von Flüssen, und dort muss man wegen Krokodilen aufpassen. Die grösste Dichte an Individuen und Arten der Buntbarsche habe ich im Flachwasser beobachtet», erzählt die Wissenschaftlerin von ihren Erlebnissen unter Wasser. Sie beobachtet nicht nur, sondern fängt Fische. «Wir tauchen mit Checklisten.» Zum Fangen verwendet sie ein feinmaschiges Kiemennetz. «Wir fixieren optisch ein Individuum, schwimmen darum herum, legen das Netz in einem Kreis aus und versuchen, den Fisch hineinzutreiben.» Bleibe er darin hängen, pflücke sie ihn rasch heraus und stecke ihn in einen Sack. Ein Tauchgang dauere bis zu einer Stunde, das Wasser sei 24 bis 28 °C warm.
Fabrizia Ronco hat ihr Ziel erreicht: Die Basler Sammlung ist nach elf Jahren Sammeltätigkeit praktisch vollständig. Fast alle 250 Buntbarscharten des Sees sind in zehn Exemplaren als Nasspräparate vorhanden. Die Universität Basel verfügt somit über eine weltweit einzigartige Sammlung.
Die Forscherin steht jetzt im Untergeschoss und zieht eine Schublade eines Schranks mit zahlreichen verschieden grossen Gläsern heraus. Die Sammelobjekte «schwimmen» in Ethanol, einer gelblichen Flüssigkeit. Auf einer Etikette eines Glases steht Telmatochromis salzburgeri. Fabrizia Ronco hat diesen gräulichen, länglichen Buntbarsch mit bläulich schillernden Flossensäumen und Augenpartien zusammen mit Kollegen 2024 wissenschaftlich erstmals beschrieben.
Die Art hat sie in der Nähe des Dorfes Chomba am Unterlauf des Lufubu-Flusses in Sambia gefangen, und zwar 32 Kilometer aufwärts des Sees. Ansonsten wurde sie nirgends beobachtet. Als sie den Holotypus, also das Präparat, aufgrund dessen die wissenschaftliche Beschreibung vorgenommen wurde, begutachtet, kommt gerade Walter Salzburger aus dem Dunkel des Gangs, einen Wagen mit Utensilien schiebend. Dem Zoologieprofessor zu Ehren, welcher der Basler Buntbarschforschung vorsteht, ist die Art benannt. Er lacht und bestätigt: «Ja, der Tanganjikasee ist unser Universum.»
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